„Wenn Kunst politisch sein muss“ – Das Hörspiel des Jahres 2025

Das Dokumentarhörspiel „Auch wenn es dunkel ist“ von Sharon On und Dirk Laucke ist Hörspiel des Jahres 2025. Die Verleihung in Leipzig zeigt den Wandel der deutschen Hörspielszene.

Sebastian Krumbiegel. Bild: Anemone Geißler (DADK)

Sebastian Krumbiegel. Bild: Anemone Geißler (DADK)

Als Sebastian Krumbiegel sich im Richard-Wagner-Saal der Kongresshalle am Zoo in Leipzig an den Stutzflügel setzte und „Die Demokratie ist weiblich“ zu singen begann, war das der Auftakt zur 39. Verleihung des Hörspiels des Jahres an Sharon On und Dirk Laucke für ihr dokumentarisches Hörspiel „Auch wenn es dunkel ist – Berichte vom 7. Oktober“ (Kritik hier). Seit 1987 wird das „Hörspiel des Jahres“ von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste (DADK) ausgelobt. Krumbiegel kündigte einen politischen Abend an, an dem gezeigt werden sollte, „dass Kunst und Kultur in diesen bewegten Zeiten nicht nur politisch sein darf, sondern politisch sein muss.“ Der Sänger der Band „Die Prinzen“ war nicht für die musikalische Untermalung eingeladen, sondern zusammen mit der Drehbuchautorin Laila Stieler einer der beiden Juroren des Wettbewerbs, dessen Preis am 20. März im Rahmen der Leipziger Buchmesse verliehen wurde.

Das Hörspiel des Jahres wird aus den Hörspielen des Monats gewählt, von denen es 2025 aber nur zehn statt zwölf gab. Zum einen lag das am Umbau der Hörspielabteilungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die zu einer virtuellen Gemeinschaftsredaktion vereinigt wurden, zum anderen an der – von der ARD euphemistisch „Sommerfestival“ genannten – abendlichen Zusammenschaltung ihrer Kulturprogramme, sodass es in dieser Zeit kaum Hörspiel-Premieren gibt. Im Januar und Februar wurde das Hörspiel des Monats nicht vergeben, was den positiven Nebeneffekt hatte, dass die Wiederholung des Preisträgerstücks auf dem samstäglichen Hörspieltermin des Deutschlandfunks (DLF) nicht mehr mit dreimonatiger Verzögerung, sondern immer am ersten Samstag des Folgemonats erfolgt.

Die Einreichungen kamen von acht deutschen Landesrundfunkanstalten, dem Deutschlandradio sowie vom Schweizer Radio (SRF) und dem Österreichischen Rundfunk (ORF). Der Westdeutsche Rundfunk (WDR), einst die Referenzanstalt für Hörspielkunst, mag sich dem Wettbewerb nicht mehr stellen und hat sich zurückgezogen. Statt nur die Ursendungen im jeweiligen Monat zu berücksichtigen, werden die Hörspiele jetzt gesammelt, sodass das Hörspiel des Monats Dezember nicht mehr im Dezember seine Ursendung haben muss, sondern die Jury auf den gesamten Fundus des Jahres zurückgreifen kann.
Arrangierte Ehe

Sharon On, Dirk Laucke. Bild: Anemone Geißler (DADK)

Sharon On, Dirk Laucke. Bild: Anemone Geißler (DADK)

Laila Stieler charakterisierte die von drei auf zwei Mitglieder verkleinerte Jury als eine vom gastgebenden Sender, dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), gestiftete „arrangierte Ehe“, der sie einiges abgewinnen konnte. Wer darin Effi Briest und wer Baron von Instetten war, änderte sich immer wieder, so Ko-Juror Sebastian Krumbiegel. Die beiden diagnostizierten im aktuellen Jahrgang ein besonderes Gewicht an dokumentarischen Stücken und waren sich schnell einig, dass „Auch wenn es dunkel ist“ ihr Hörspiel des Jahres sein würde.

Nach den Auszeichnungen für „Srebrenica – Ich zählte mein Leben nur noch in Sekunden“ von Armin Smailovic und Branko Simic, „Der Afrik“ von Sven Recker, „NIEWIEDERGUT oder Darf jetzt wirklich ein Jude der König von Bayern sein“ von Diana von Suffrin oder „Der Gebrauch des Menschen“ von Aleksandar Tisma, konnte man damit rechnen, dass ein explizit politisches Stück das Rennen machen würde. Es ist das am wenigsten „hörspielhafte“ Stück geworden – eines, das seine akustischen Mittel sehr behutsam einsetzt hat. So war denn auch in der Laudatio auf das Stück kaum etwas zur künstlerischen Umsetzung des Stoffes zu hören. Die Jury lobte die Details der Erzählungen, die kluge Auswahl und Zusammenstellung der Berichte aus unterschiedlichen Perspektiven und den mitfühlenden Blick.

Dass im Hörspieljahr 2025 dabei artistisch-musikalische Stücke wie die von Heiner Goebbels („Die Orakelmaschine“) oder Felix Kubin („Flow – Beyond Baroque and Words“) hinten herunterfielen, ist ein bisschen schade. Ebenso, dass innovative Serien wie „Die Ästhetik des Widerstands“ von Fabian Saul oder „Das Orakel spricht“ nach der Graphic Novel von Liv Strömquist es nicht aufs Monats-Podium schafften.

Zartes, aber beständiges Blühen

Zwanzig Stücke kamen vom Deutschlandradio (5 vom DLF, 15 von DLF Kultur), zwölf vom Südwestrundfunk, jeweils neun vom Bayerischen Rundfunk und dem Österreichischen Rundfunk, sieben vom Rundfunk Berlin Brandenburg, jeweils sechs vom Hessischen Rundfunk und vom Norddeutschen Rundfunk, vier vom Schweizer Radio und Fernsehen, drei vom Mitteldeutschen Rundfunk, zwei von Radio Bremen und eins vom Saarländischen Rundfunk. Das macht insgesamt 79 Einreichungen, wobei Serien, von denen maximal drei Folgen eingereicht werden dürfen, als eine Einreichung zählen. Geht man von einer Ursendung pro Monat aus (was diverse Rundfunkanstalten sich nicht mehr leisten wollen), wären 144 Stücke möglich (mit dem WDR wären es sogar 156 Stücke).

Barbara Schäfer. Bild: Anemone Geißler (DADK)

Barbara Schäfer. Bild: Anemone Geißler (DADK)

„Die Kompetenz für guten Sound und eigenwillig erzählte Geschichten blüht überall – zart, aber beständig“, attestierte Akademiemitglied Barbara Schäfer, ehemalige Kulturchefin beim Deutschlandradio in Köln, dem Hörspiel im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das Hörspiel befände sich in einem großangelegten Wandlungsprozess mit offenem Ausgang, so Schäfer weiter. Das Hörspiel heute müsse auch für KI-Suchen auffindbar gemacht werden; Formate, die im Digitalen funktionieren, müssten entwickelt werden, und man bemühe sich um eine Portfoliosteuerung, die neue Hörerschichten gewinnt.

Schäfer kritisierte auch das „Wegbröseln“ traditioneller Förderungen und Preisauszeichnungen – unter anderem die „explizite Verkleinerung des Hörspiels“ beim „Deutschen Preis für Audiostories“, der bis 2024 „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ hieß und seit 1952 für Hörspiele verliehen wurde, die state-of-the-art waren. Auch die ersatzlose Streichung des Deutschen Hörspielpreises der ARD 2024 gehört in diese Reihe des „Wegbröselns“.

2026 wird es wieder zwölf Hörspiele des Monats geben. Die Jury besteht dieses Jahr aus der Schriftstellerin Olga Grjasnowa und der Musikerin Mascha Qrella. Gastgebender Sender ist Deutschlandfunk Kultur.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst 26.03.2026

 

 


Entdecke mehr von Hoerspielkritik.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.