Die zeitgenössischen Interpretation einens alten Gerichts

Oliver Augst und Robert Eikmeyer widmen in ihrem Klangkunsthörspiel „John Ruskin Soup“ dem vergessenen britischen Kunsthistoriker und Sozialphilosophen ein impressionistisches Porträt.

Oliver Augst & Robert Eikmeyer: John Ruskin Soup – A Joy in Madness today

DLF Kultur, Fr, 03.04.2026, 0.05 Uhr

Der britische Kunsthistoriker und Sozialphilosoph John Ruskin (1819-1900) war im 19. Jahrhundert eine Berühmtheit – heute ist er weitgehend vergessen. Dabei „entdeckte“ Ruskin den Maler William Turner und beeinflusste Mahatma Gandhi – und prägte als sogenannter „anglikanischer Sozialist“ auch die Labour Party. Seine Werkausgabe umfasst 39 Bände. Oliver Aust und Robert Eikmeyer haben für den mitternächtlichen Klangkunsttermin von Deutschlandfunk Kultur dem Autor mit „John Ruskin Soup – A Joy in Madness today“ ein hybrides Hörspiel gewidmet.

„Die ganze technische Kraft der Malerei hängt von der Wiedererlangung dessen ab, was man die Unschuld des Auges nennen kann […], wie ein Blinder sie sehen würde, wenn er plötzlich sehend wäre.“, schreibt Ruskin. Das gilt natürlich auch für die Unschuld der Ohren, mit denen man sich dem Stück nähern sollte.

Man hört Bernadette La Hengst, den kürzlich verstorbenen Sven-Ake Johansson, Liam Gillick, Alistair Hudson und Raymond Pettibon, die Texte von Ruskin zitieren, von ihm erzählen und so ein Porträt von ihm malen, das nicht den Gesetzen eines Radiofeatures gehorcht, sondern – zwischen deutschen und englischen Texten wechselnd – eine Impression vermittelt. Dabei schafft die musikalische Dimension mit Anmutungen an irischen Folk die Verbindung zu gegenwärtigen elektronischen Klängen (Andrea Neumann am erweiterten Klavier und Elektronik).

Überflüssige Glasperlen

Dabei geht es nicht nur um die künstlerischen Interventionen, sondern auch um die politischen Aspekte, die sich daraus und unter einander ergeben. „Fördern Sie niemals die Herstellung von Dingen, die nicht notwendig sind und an deren Produktion die Erfindung keinen Anteil hat“, schreibt Ruskin in „The Elements of Drawing“. Glasperlen beispielsweise seien völlig überflüssig und im Herstellungsprozess sogar schädlich für die Arbeiter, „die nicht die geringste Gelegenheit haben, irgendeine menschliche Fähigkeit zu gebrauchen“.

In der Konsequenz sei jede junge Frau, die Glasperlen kauft „in einem viel größeren Sklavenhandel verwickelt, als der, den wir seit langer Zeit zu bekämpfen versuchen“. Der Weg von der Kunst zur Ökonomie ist also kurz.

„To day“ – „bis heute“ ist denn auch ein wiederkehrendes Motiv in Augsts Hörspiel. Auch wenn sich die Formen der Ausbeutung heute ausdifferenziert haben und selbst die Produkte der guten, nicht entfremdeten Arbeit, für die Ruskin plädiert, auf Kosten ihrer Erzeuger monetarisieren lassen. Assoziationen zu Geschäftsmodellen von Spotify bis zum Diebstahl künstlerischer Erzeugnisse zum Training generativer KI-Modelle stellen sich automatisch ein.

Viktorianischer Nerd

Doch schon zu Zeiten Ruskins wurde auch die Ökonomisierung seines Namens betrieben. Es gab Ruskin-Merch in allen Formen und Farben: Ruskin-Keramik, Ruskin-Leinen und auf dem amerikanischen Markt wurde sogar eine Premium-Zigarre geworfen – dabei war Ruskin lebenslang Nichtraucher. Augst und Eikmeyer nennen Ruskin einen „viktorianischen Nerd, vom Rang eines Influencers“. Eine etwas ungenaue Zuschreibung, da es Ruskin gerade nicht um die Vermarktung seiner selbst ging.

Selbst bei der John-Ruskin-Suppe, die dem Hörspiel den Titel gibt, geht es nicht um die Rezeptur einer einfachen Gemüsebrühe, sondern darum, Zeit damit zu verbringen, alles so gut wie möglich zuzubereiten. Natürlich kann man die Suppen-Metapher auch für das Hörspiel selbst verwenden.

Aber damit wäre außer dem Naheliegenden, dass nämlich all die unterschiedlichen akustischen Zutaten ihre eigene Geschmacksnote einbringen, wenig gesagt. Als zeitbasierte Kunst hört man dem Hörspiel „John Ruskin Soup“ das Verfertigen einer zeitgenössischen Interpretation eines klassischen Gerichts als akustische Mitternachtssuppe an.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst 09.04.2026


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