Umkodierte Realitätswahrnehmung

Erik Altorfers Hörspiel „Um zwölf Uhr mittags ist Zukunft. Zeit zum Essen“ macht hörbar, wie Sprache, Liebe und künstlerische Arbeit jenseits normierter umkodierte Realitätswahrnehmung klingen und lädt ein, eigene Maßstäbe des Hörens und Verstehens neu zu befragen.

Erik Altofer & Theater Hora: Um zwölf Uhr mittags ist Zukunft. Zeit zum Essen

Bayern 2, Fr, 19.12.2025, 20.03 bis 21.13 Uhr

„Das Format der Hörspiele schult den auditiven Sinneskanal und fördert Fantasie, Kreativität, Vorstellungskraft und die Konzentration häufig pro Tag“, sagt ein Mitglied des Zürcher „Theater Hora“ in Erik Altorfers 70-minütigem Hörspiel „Um zwölf Uhr mittags ist Zukunft. Zeit zum Essen“, das er selbst inszeniert hat. Und selbst wenn einem der Satz grammatikalisch unsauber und unvollständig vorkommt, so gebricht es ihm doch nicht an Verständlichkeit.

Wenn man den Ensemblemitgliedern des Theaters Hora, „in dem ausschließlich Schauspieler*innen mit IV-zertifizierter kognitiver Beeinträchtigung arbeiten“ (Hora über Hora) zuhört, dann gewöhnt man sich schnell an eine Sprache, die Zeichen einer Umkodierung der Realitätswahrnehmung ist. Das haben die Texte des Hora-Ensembles mit anderen künstlerischen Verarbeitungen der Wirklichkeit gemeinsam.

Theater Hora Manifest

Theater Hora Manifest

Zusammen mit den nicht beeinträchtigen Schauspielerinnen Olivia Grigolli und Jasmin Mattei performen Remo Beuggert, Caitlin Friedly, Matthias Grandjean und Fabienne Villiger die in einem längeren Prozess geschriebenen Texte. Und weil es sich allesamt um Theaterprofis handelt – das Theater Hora gibt es seit 2003 -, wissen sie um den Unterschied von Person und Rolle, um die Differenz von Privatheit und der Existenz als „Zweitmensch“ auf der Bühne. Von den Geheimnissen des Herzens, den echten Gefühlen und Gedanken muss niemand wissen, denn, so sagt es Fabienne Villiger im Hörspiel: „In den Theater Hora ist nicht privat sein und wir arbeiten den ganzen Tag und das macht unsicher und nicht so schön zum Erfühlen in den Körper drinnen.“

Der Kopf muss denken

Was die Ensemblemitglieder natürlich nicht davon abhält, bei den Münchner Kammerspielen – mit denen das Theater Hora seit der Spielzeit 2020/21 eine Kooperation verbindet – von einer Schauspielkarriere zu träumen – auch wenn ihre Stimmen nicht den Normen der deutschen Bühnenhochlautung entsprechen. Gleichzeitig werden aber auch die eigenen Einschränkungen und ihre emotionalen Konsequenzen reflektiert: „Eine epileptische Störung sind, als würde man stolpern und durch die Medikamente wieder aufgefangen. […] Und wenn man dann so weit ist, dass es sich anfühlt, als wäre man weniger Mensch als Epileptiker, dann sehnt man sich langsam danach, dass der letzte Vorhang fällt.“

Es folgt ein Song von brechtscher Einfachheit und Tiefe (Komposition: Martin Schütz): „Der Kopf ist schwer / Der Kopf muss denken“. Mit Brecht hat das Theater Horas schon seine Erfahrungen, als es sich in der Inszenierung von Helgard Haug bei den Salzburger Festspielen „Der kaukasische Kreidekreis“ zu eigen gemacht hat (Kritik hier).

In insgesamt neun Teilen und ein paar Intermezzi geht es um die Liebe und das Funktionieren-Müssen: „So wie eine Maschine funktionieren muss, muss auch der Mensch funktionieren. Bei Tieren ist es auch gut, wenn sie funktionieren.“ Des Weiteren geht es um die Fantasie und das Theater, um Vertrauen und um Vergangenheiten, die man auf Fotos betrachtet – und um die Zukunft, die um zwölf Uhr mittags zur Essenszeit beginnt. Eine Höranweisung, die man erst im Nachhinein wirklich versteht, gibt es gleich zu Beginn: Wenn Kinder sprechen, handelt es sich auch um eine Sprache, die man nicht wirklich versteht: Kindersprache. Was nichts anderes heißt, als dass sich die Wahrnehmungswelten und ihre sprachlichen Ausdrucksformen unterscheiden, sich aber wechselseitig irritieren können.

Eine Sprache der Liebe

Ein gemeinsames Thema – die Liebe – wird vom Hora-Ensemble mit ähnlichen sprachlichen Versatzstücken beschrieben wie im Schlager. Von der Sehnsucht über den Herzschmerz bis zur Verzweiflung werden sämtliche Klischees bedient. Und doch ist der Song, den Jasmin Mattei daraus mehr spricht als singt, eben wegen seiner ungelenken Anmutung so berührend. Ob das „authentischen“ Gefühlen entspricht oder einem Ringen um den angemessenen Ausdruck, ist da irrelevant, denn es lenkt die Aufmerksamkeit auf die eigene Rezeption und darauf, welche Sprache man selbst für das Phänomen Liebe hat.

Der Schlager scheint ein inklusives Medium zu sein, und Udo Jürgens ist sein Prophet, wie man nicht nur in diesem Hörspiel, sondern auch in der Theaterinszenierung „Ophelia‘s Got Talent“ von Florentina Holzinger an der Berliner Volksbühne sehen konnte. Dort gab ein Mitglied des RambaZamba-Theaters (der Berliner Entsprechung zum Zürcher Theater Hora) einen Udo-Jürgens-Song zum Besten. Das Hörspiel des Theaters Hora wirft also nicht nur einen nicht-voyeuristischen Blick auf seine Mitglieder, sondern richtet die Aufmerksamkeit auch auf das Weltverhältnis seiner Hörerschaft.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 18.12.2025

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