Vier Stimmen sind kein Chor

Leonie Lorena Wyss: Blaupause

NDR Kultur, 03.07.2024, 20.00 bis 21.12 Uhr

In Leonie Lorena Wyss‘ „Blaupause“ geht es um die Anstrengungen des Erwachsenwerdens, wenn der vorgesehene Plan nicht passt, die Welt auf einen einstürzt und die Verarbeitungskapazitäten nicht ausreichen. Henri Hüster hat den Theatertext kongenial für das Hörspiel inszeniert.

Was tun, wenn plötzlich das offene Blau verschwindet und alles zu drückendem Grau wird? Was, wenn die in einer Blaupause abgelegten Konstruktionspläne sich plötzlich als dysfunktional erweisen, weil sie am falschen Objekt ausgeführt werden sollen? Diese Fragen stellt Leonie Lorena Wyss Theatertext „Blaupause“, mit dem sie 2023 den Autorinnenpreis des Heidelberger Stückemarkts gewonnen hat.

Was oberflächlich betrachtet wie eine Geschichte des Erwachsenwerdens daherkommt, ist zugleich die Geschichte eines Verlustes. Denn das Blau erweist sich in verschiedenen Vorblenden als Metapher für den schweren Unfall einer Geliebten. Regisseur Henri Hüster hat die komplex gebaute Geschichte mit einem treibenden Soundtrack der in Hamburg lebenden Musikerin und Sängerin Sophia Kennedy für den Norddeutschen Rundfunk als 72-minütiges Hörspiel inszeniert.

Der Chor der Cousinen

Leonie Lorena Wyss (links), Lara Sienczak (rechts). Bild: Andreas Rehmann / NDR.

Leonie Lorena Wyss (links), Lara Sienczak (rechts). Bild: Andreas Rehmann / NDR.

Die namenlose Protagonistin (Ich) im besten Teenager-Alter, gespielt von Lara Sienczak, sieht sich einem Chor von 13 Cousinen (Sasha Rau, Svetlana Belesova, Edith Saldanha, Josefine Israel) und einer neugierigen Tante gegenüber. Die wollen die Mädels an ihren frühen Erfahrungen teilhaben lassen – was natürlich so mega-peinlich ist, wie es nur Teenies nachempfinden können.

Schlimmer sind da nur die Freundinnen: Denn die sagen, ebenso wie die Cousinen, in sich überlagernden Stimmen alle dasselbe. Ohne dass daraus ein Chor entstünde. Das asynchrone Stimmengewirr ist ein akustisches Bild für den Gruppendruck und das permanente Feedback, dem die Protagonistin ausgesetzt ist. Aber auch in ihrem Kopf gibt es eine innere Stimme, die ihr beständig ins Wort fällt. Denn die für sie vorgesehene Blaupause scheint nicht auf sie zu passen: Sie fühlt sich eher zu den Mädchen hingezogen als zu den Jungs.

Von erster Menstruation und Masturbation, von unerwünschter Körperbehaarung bis zu operativen Schönheitsoptimierungen, vom Küssenüben am Kräuterbaguette bis zum Online-Liebestest „Bin ich lesbisch?“ – es gibt leichtere Lebensphasen als die Adoleszenz zwischen 13 und 20. Auch der erste Sex mit einem viel zu alten Tinder-Typen endet mit einer ausführlichen Dusche und dem Googeln nach „Apotheke“ und „Öffnungszeiten“ im Bademantel. Und plötzlich ist aus dem Stimmengewirr ein halbwegs synchrones, chorisches Sprechen geworden.

Die Fußnote der Autorin

Hier, wir sind bei Minute 57 des Hörspiels, mischt sich plötzlich die Autorin Leonie Lorena Wyss selbst in Form einer Fußnote ein: „Das ist der Moment in dem der/die Autorin dieses Hörspiels nicht weiter weiß. Wie soll er/sie sich jetzt aus dieser Situation, sprich von diesem bekannten Bild, sprich von diesen bekannten Blickrichtungen, sprich von diesen bekannten Perspektiven lösen?“ Bei einer derartigen Schreibblockade gleite die Hand „der/die Autorin“ wie automatisch zwischen die Beine, als gebe es da eine zweite Tastatur. Warum die Autorin von sich als er beziehungsweise sie spricht, bleibt dabei unklar. Es scheint aber um mehr zu gehen als um Genderzuweisungen, vielleicht ist damit die Aufforderung verbunden, zum Autor seines Lebens zu werden.

Henri Hüster hat in der Hörspielfassung von Leonie Lorena Wyss‘ „Blaupause“ auf einen komplexen Text mit noch mehr inszenatorischer Komplexität reagiert. Die ist der permanenten Reizüberflutung, der die Protagonistin ausgesetzt ist, absolut angemessen. Schließlich wird die Maschine, die diese Reize zu verarbeiten hat, in der Pubertät im laufenden Betrieb umgebaut. Das ist spannend, aber auch für die Hörer ein bisschen anstrengend.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst 04.07.2024

 

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