Präkonstitutionell und aktuell

Am 2. März leitete die First Lady der USA erstmals eine Sitzung des Weltsicherheitsrates, des wichtigsten Gremiums der Vereinten Nationen. Was das mit der Preußenkönigin Luise zu tun hat, erklären Ruth Johanna Benrath und Christine Nagel in ihrem Hörspiel „Unwandelbar, Luise“.

Ruth Johanna Benrath & Christine Nagel: Unwandelbar, Luise

RBB radio 3: S

Manchmal erklärt ein einzelnes aktuelles Ereignis, warum es sich lohnt, sich mit einer historischen Figur zu beschäftigen, die seit mehr als 200 Jahren tot ist und deren Büste im Charlottenburger Schlosspark immer noch täglich mit Blumen geschmückt wird. In ihrem als „Album für die Königin in 10 Bildern“ untertitelten, 55-minütigen Hörspiel „Unwandelbar, Luise“ porträtieren die Autorin Ruth Johanna Benrath und die Regisseurin Christine Nagel die Preußenkönigin Luise (1776-1810). Beim preußischen Volk war die Gattin von Friedrich Wilhelm III. Wegen ihrer Nahbarkeit äußerst beliebt.

In 17 Ehejahren hat sie zehn Kinder geboren, von denen sieben überlebt haben. Einer ihrer Söhne, wird, 61 Jahre nach ihrem Tod, der erste deutsche Kaiser werden. Zu Lebzeiten von Luise Auguste Wilhelmine Amalie, Herzogin zu Mecklenburg-Strelitz, herrschte 23 Jahre lang in verschiedenen Konstellationen Krieg gegen Frankreich. Nach der Französischen Revolution gab es selbst in Preußen den Wunsch nach Veränderungen, die in den sogenannten „Preußischen Reformen“ zwischen 1807 und 1815 (Stichwort: Bauernbefreiung) kulminierten. Voraussetzung dieser Reformen war jedoch die vernichtende militärische Niederlage Preußens gegen die napoleonischen Truppen bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806.

Bevor jedoch die Geschichte das Leben von Luise bestimmen wird, schildern Benrath und Nagel die Königin als ebenso lebenslustige wie bildungshungrige junge Frau, die – ehevertraglich abgesichert – mit einer Oberhofmeisterin, drei Hofdamen, diversen Kammerherren, Pagen und Lakaien, Garderobenjungfern, Kammerfrauen, einer Leibwäscherin, einem Küchenmeister und zwei Köchen und dazu natürlich einem Kutscher nebst Vorreitern und vielem anderen mehr ausgestattet war.

Politischer Transmissionsriemen

Am Hof wird Luise zum „Transmissionsriemen bestimmter politischer Vorstellungen“, sagt die Historikerin Birgit Aschmann von der Berliner Humboldt-Universität, die immer wieder im O-Ton den geschichtlichen Kontext erläutert. Es waren Vorstellungen, die sich für eine Emanzipation des Bürgertums starkmachten. Und das zur „Inkubationszeit des preußisch-deutschen Nationalismus“, in der das Ehrgefühl national aufgeladen wurde und in der das Volk aufgefordert war, Preußen mit seinem Blut zu verteidigen.

So historiografisch genau Aschmann die Situation schildert (und ein bisschen spröde), so lebendig spielt Jana Balzer die Luise. Und so wird das komplexe politische System einer vorkonstitutionellen Zeit erlebbar, in der gerade inoffizielle Einflusskanäle wichtig waren. Der sich derzeit einer beispiellosen Renaissance erfreuende Staatsrechtler und NS-Jurist Carl Schmitt verlängerte diese Linie später in seinem 1954 als Radio-Essay veröffentlichten Text „Gespräche über die Macht und den Zugang zum Machthaber“.

Doch der Machthaber, zu dem Luise Zugang hat, ist nicht in erster Linie ihr Mann, der eher kriegsunwillige Friedrich Wilhelm III. (Toni Jessen), den sie auch nach der Niederlage bei Jena und Auerstedt noch zum Widerstand auffordert. Bei den Friedensverhandlungen in Tilsit 1807 ist sie es, die aufgefordert wird, in direkten Verhandlungen mit Napoleon Bonaparte (Béla Lenz) das Königreich zu retten.

Misogynie des Adels

Das gelingt allerdings so gar nicht. Napoleon, der sich auf dem höfischen Parkett konziliant gibt, diktiert im Nachhinein umso härtere Friedensbedingungen, die Preußen sein Territorium westlich der Elbe kosten und ruinöse Reparationszahlungen auferlegen. Die Misogynie, der Luise schon seitens des preußischen Adels ausgesetzt ist, hört man aus den Briefen Napoleons an seine Frau Josephine noch einmal zwei Nummern drastischer.

„Unwandelbar, Luise“ ist gerade dieser Tage mit Gewinn zu hören, in denen ein US-amerikanischer Präsident nach Einflüsterungen von wem auch immer am eigenen Parlament vorbei und unter Missachtung des Völkerrechts einen Krieg vom Zaun gebrochen hat. Währenddessen lässt er seine Frau eine Sitzung des wichtigsten internationalen Gremiums, des UN-Sicherheitsrates, leiten. Eine First Lady, die keinerlei verfassungsgemäße Funktion hat, aber den Zugang zum Machthaber.
Von den präkonstitutionellen Verhältnissen zu Beginn des 19. Jahrhunderts ergeben sich so Parallelen zu den postkonstitutionellen Verhältnissen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zweihundert Jahre historischer Lernprozesse und ein aus den Traumata des Zweiten Weltkriegs erwachsenes Völkerrecht stehen damit zur Disposition.
Was an der Oberfläche als akustisches Biopic einer Königin anlässlich ihre 250. Geburtstags daherkommt, erweist sich in der Tiefe als vielschichtige Studie über historische und gegenwärtige Machtverhältnisse, die weniger strukturell als über informelle Netzwerke funktionieren – und damit als klug komponierter Kommentar zur Gegenwart.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 06.03.2026

 


Entdecke mehr von Hoerspielkritik.de

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.