In der bürgerlichen Dämmerung

Die „Blaue Stunde“ auf der Kulturwelle Ö1 des ORF bringt Spannung ins lineare Radio – mit aktueller Lyrik, Chansons, Klangkunst und manchmal sperriger Elektropoesie, aber ohne Altersdiskriminierung.

Blaue Stunde

ORF Ö1, montags, seit 02.03.2026 21.00 bis 22.00 Uhr

Das lineare Programm ist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk so etwas wie der Personenverkehr für die Deutsche Bahn – ein notwendiges Übel. Wo letztere lieber ein internationaler Logistikkonzern sein wollte, sieht sich ersterer gerne als hippe Streamingplattform à la Netflix. Ob es dabei hilft, die 2017 als „ARD Audiothek“ gestartete Plattform ins maximal unspezifische „ARD Sounds“ umzubenennen, sei dahingestellt.

Da freut man sich, dass der österreichische Rundfunk ein neues lineares Format aus der Taufe hebt. Seit dem 2. März läuft dort immer montags um 21 Uhr die „Blaue Stunde“ – zugegeben kein ganz taufrischer Titel. Leider sind dafür der „Lyrik Heute“-Termin am Mittwoch und der „Soundart“-Termin am Donnerstag (jeweils 23.00 Uhr) weggefallen.

Die blaue Stunde sei eine „Plattform für akustische Kunst und zeitgenössische Lyrik – ein intermedialer Laborraum mit und für die jeweiligen Szenen, Künstler:innen und Netzwerke, kontextualisiert und in den aktuellen Diskurs eingebettet“, schreibt der ORF. Das klingt eher nach einem kaputten Kuratorendeutsch als nach einem „metamoderner Lichtblitz in der Dunkelheit der Ängste und Sorgen des frühen 21. Jahrhunderts“, wie der ORF andererseits in einer Pressemeldungaussendung formuliert. In der wird auch der FBI-Agent Bartholomew Cooper aus David Lynchs TV-Serie „Twin Peaks“ (1990/1991) zitiert, als Verweis auf die Generationen-Kompetenz der vierköpfigen Redaktion (Hans Groiss, Philip Scheiner, Anna Soucek und Elisabeth Zimmermann). Schließlich erreicht „Twin Peaks“ ja gerade in der Mediathek des deutsch-französischen Kulturkanals „arte“ ebenfalls eine neue Generation.

„Wenn die Jungen schon Vierzig san“

„Des find i arg, wenn die Jungen schon Vierzig san“, sagt Comic-Zeichner und Mentor Nicolas Mahler, Initiator des Mentorenprogramms „Sprache-Kunst/Kunst-Sprache“ an der Wiener „schule für dichtung“, über seinen Mentee Lukas Meschik (knapp unter 40), der in der dritten Folge (“dreizeiler“) der „Blauen Stunde“ auftritt. Dort sind Verse aus seinem Buch „Form wahren“ zu hören, das vom Moderator immer zu „Formwahn“ vernuschelt wird. Der Dreizeiler „Weiche Worte“ klingt gelesen von Lukas Watzel so: „Die Kunst des freien Dreizeilers besteht darin/ ja worin eigentlich/ alles wegzulassen was sonst fehlt“. Als Leadsänger der Band „Moll“ ergänzt Meschik seine haiku-artige Kürzestlyrik mit seinen Songs. Am Schluss gibt es ein Interview mit Mentor und Mentee. „Wen man jung kennenlernt, der altert auch nicht“, sagt Nicolas Mahler.

Doch beginnen wir mit der Auftaktfolge „Kunst und Lyrik Live!“, in der Jörg Piringer (auch schon über 50) eine elektropoetisch mit zerschnetzelten Lautverbindungen arbeitende Performance „Die Rettung der Farbe Blau“ präsentiert. Piringer hat schon 2022, also vor der Freigabe des Large Language Models ChatGPT, in seinem Buch „günstige intelligenz“ (Ritter Verlag), über „hybride poetik und poetologie“ nachgedacht. Im Jahr 2020 war er beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt der Gewinner der Herzen, weil er bei ausnahmslos jeder Abstimmung über einen der Preise knapp unterlag. Mit dabei in der Sendung sind Chansons des ausdrücklich als „jung“ apostrophierten Duos „Club der Harmonie!“, das aus Hannah Hinsch und Juri Baumgart besteht (beide auch wirklich Anfang 20). Außerdem gab es Lyrik von Mira Magdalena Sickinger und Isabella Forciniti. Gegenüber dem oft gediegenen Ton auf der österreichischen Kulturwelle Ö1 klang das sympathisch unfertig und improvisiert.

Gehör als Erkenntnismethode

Die zweite Folge (“Klangforschung, Lyrik u. a.“) stellte das von Annalena Stabauer kuratierte „Hör!Spiel!“-Festival in der Alten Schmiede in Wien vor, das sich an jedem Montag im März anderen hörspielästhetischen Fragen widmet. In „Laut, Luise, Kopf und Zahl“ geht es um Ernst Jandl und die Werke des Liquid Penguin Ensembles, in „Sounds like Nature“ über Naturklänge und (ausgestorbene) Tierstimmen von Ralf Wendt bis Wolfgang Müller, Peter Pessl und Katia Sophia Ditzler behandeln Sound als Séance und auch Hanne Römers „L U F T stück der Forscherin“ wird am 30. März in der „Blauen Stunde“ zu hören sein.

Gedichte aus dem neuen Lyrikband „Guten Morgen ihr Gespenster, nur herein die Tür ist offen“, der Berliner Autorin, Hörspielmacherin und Malerin Astrid Litfass (über 80) kommen ebenso vor wie eine Miniatur aus der Serie „Denken mit den Ohren“ des Klangkünstlers und Komponisten Sam Auinger über das Gehör als Erkenntnismethode und räumlich-körperlichen Zugang zur Welt.

Offensichtlich diskriminiert die „Blaue-Stunde“-Redaktion nicht nach Alter. Warum sollte man sich im gebührenfinanzierten Radio auch auf das marketinggetriebene Alterskohortenbashing einlassen? Das Schöne an diesem Format ist, dass es sich auf das besinnt, was das lineare Radio kann, wenn es sich nicht dem Diktat des „audience flow“ unterwirft. Es kann formal wie inhaltlich überraschen.
Die „Blaue Stunde“ beweist: Texte, Songs, Klangkunst können problemlos nebeneinanderstehen und sich bestenfalls gegenseitig erhellen, auch „inmitten der bürgerlichen Dämmerung“, in der der ORF sein neues Format verortet.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 20.3.2025


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