Nachrichten aus der Zwischenzeit

Vivien Schütz, Stefanie Heim: Re:Produktion

SWR 2, Montag bis Freitag, 28. März bis 8. April 2022, jeweils ca. 19.45 bis 20.00 Uhr

Mit ihrem 15-minütigen Hörspiel „Re:Produktion“ haben Vivien Schütz und Stefanie Heim im Jahr 2020 den PiNball-Wettbewerb der ARD für freie Produktionen gewonnen. Jetzt gibt es unter demselben Titel eine Serie, die mit 138 Minuten fast zehnmal so lang ist. Kann das gut gehen?

Viven Schütz (Leonie). Foto: SWR, David Heaton.

Leonie und Dennis leben in New York und sind seit fünf Jahren zusammen. Leonie arbeitet im Marketing. Ihre Freundin Hannah lebt in Berlin, jobbt in einem Callcenter und ist seit drei Monaten mit Noah zusammen. Was sich die beiden besten Freundinnen zu erzählen haben, haben die Autorinnen Vivien Schütz und Stefanie Heim per Sprachnachrichten aufgenommen, sich zugeschickt und daraus die Hörspielserie „Re:Produktion“ gemacht.

Stefanie Heim (Hannah). Foto: SWR, David Heaton.

Die Situation ist einigermaßen dramatisch, nachdem Leonie wegen eines geplatzten Kondoms und trotz der „Pille danach“ ungewollt schwanger wird, während Hannah droht, mit gerade mal 34 in die Wechseljahre zu kommen und ihren Kinderwunsch wohl selbst mit Einfrieren ihrer Eizellen nicht wird erfüllen können. Was klingt wie der Plot einer Seifenoper, wird durch die authentische Anmutung des Sprechens nie kitschig. Wie einfach und zugleich kompliziert eine Abtreibung in den USA ist und welche Nöte ein unerfüllter und vielleicht unerfüllbarer Kinderwunsch mit sich bringt, kann man interessiert hören, weil hier nicht ein Thema auf dem Rücken der Figuren verhandelt wird.

Denn das faszinierende an „Re:Produktion“ als zehnteiliges Podcastformat, das vom 28. März bis zum 8. April werktäglich um 19.45 Uhr auch im linearen Radio auf SWR 2 zu hören war, ist, dass es in dem Stück eigentlich nicht vorrangig um die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen geht, sondern um gegenwärtige Kommunikationsstrukturen. Denn die freundschaftliche Beziehung, die Leonie und Hanna führen, funktioniert nur per Smartphone. Das Telefon wird aber nicht wie ursprünglich gedacht als Medium synchroner Kommunikation in Echtzeit benutzt, sondern als Aufzeichnungsgerät – was auch mit der Zeitverschiebung zwischen New York und Berlin zu tun hat. In den insgesamt 138 Minuten gibt es kaum eine Zeile direkten Dialogs, sondern nur das Reagieren auf voraufgezeichnete Nachrichten. Und ab und zu wird auch reagiert, ohne die Nachricht auch nur an- oder zu Ende gehört zu haben.

So etwas widerspricht nicht nur den üblichen Konventionen der Hörspieldramaturgie, sondern man fragt sich unwillkürlich, wer hier eigentlich adressiert wird. Zum Teil bekommt man den Eindruck, wechselseitigen Selbstgesprächen beizuwohnen. Zum Teil wähnt man sich in der Position eines zufälligen Voyeurs, der mehr oder weniger unfreiwillig als Man in the Middle eine Verbindung überwacht. Man lauscht buchstäblich in der Zwischenzeit von Kommunikation und in der Ortlosigkeit des Mediums. Denn – und das ist nicht der unwichtigste Bestandteil des Hörspiels – man bekommt auch die Sprachnachrichten mit, die von der Absenderin vor dem Anhören der Empfängerin gelöscht werden.

Ortlosigkeit heißt allerdings nicht, dass die „Dialoge“, die es ja nur in der aufgezeichneten Vermittlung gibt, im Nirgendwo stattfinden würden – im Gegenteil. Die mit Headset und Smartphone aufgezeichneten Nachrichten bilden die örtlichen Verhältnisse ziemlich eindrucksvoll ab. Nichts klingt hier nach sterilem Hörspielstudio oder künstlich dazugemischten Atmosphären, alles nach der Meisterschaft in der Verwendung von authentischen Aufnahmen. So geht man dem dokumentarischen Gestus, mit dem hier erzählt wird, gerne auf den Leim.

Ein paar Outtakes aus der Produktion, die der SWR auf seine Webseite gestellt hat, belegen die Aufnahmen vor Ort. Stefanie Heim wurde sogar wegen ihres verdächtigen Verhaltens von der Polizei kontrolliert, nachdem sie den Überwachungskameras im öffentlichen Raum aufgefallen war.

Ob in der Öffentlichkeit eines Fitnessstudios, im Supermarkt oder auf dem Klo, es gibt keinen Ort an dem nicht Intimstes mitgeteilt wird, was jemandem, der schon mal im einem ICE unfreiwillig die Strategien für das nächste Meeting mitgehört hat, kaum wundern wird. Doch anders als die Echtzeitkommunikation während einer Bahnfahrt ist die Kommunikation in diesem Hörspiel geradezu durch ihre (Ab-)Brüche definiert. Und dennoch ergibt sich aus den Puzzleteilen relativ schnell ein anschauliches Bild. Die akustischen Signale zu Beginn und Ende der Aufnahme sowie der Bestätigungssound des Löschvorgangs strukturieren das Stück und ersetzen die klassische dramatische Einheit von Ort und Zeit durch die Einheit des medialen Kontextes. Denn nirgendwo anders könnte dieses Hörspiel stattfinden als im Medium selbst. Und die Außenwelt des Mediums ist wiederum nur eine mediale, was man merkt, wenn man eine Nachricht versehentlich in den Familienchat schickt.

Üblicherweise ist es ein schlechtes Zeichen, wenn man während des Hörens einer Geschichte den Fokus auf die Machart richtet, weil dann meist die Erzählebenen nicht fesselnd genug sind. Hier ist es genau umgekehrt, was die beiläufige Virtuosität, mit der Vivien Schütz und Stefanie Heim ihre Hörspielserie gestaltet haben, noch unterstreicht. Das soll nicht heißen, dass man der Geschichte um Freundschaft, Beziehungen und Depressionen nicht auch willig folgen kann. Sie geht übrigens gut aus – auch wenn das Ende offenbleibt.

Jochen Meißner, KNA Mediendienst 14.4.2022

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