Ein Kaleidoskop weiblicher Welterfahrung

Katja Brunner: Die Hand ist ein einsamer Jäger

Deutschlandfunk Kultur, Do 02.09.2021, 22.04 bis 23.00 Uhr

Die Schweizer Dramatikerin Katja Brunner hatte mit der auf ihrem gleichnamigen ersten Theaterstück beruhenden Hörspieladaption „Von den Beinen zu kurz“ 2014 ihr Rundfunkdebüt (Regie: Erik Altorfer). In dem für den WDR-Hörfunk entstandenen Stück ging es um das Thema Kindesmissbrauch. Seit diesem Debüt ist Katja Brunner dafür bekannt, ihre Stoffe gegen die aktuellen Empörungskonjunkturen zu positionieren und dabei ihrerseits zu provozieren. Ihr zweites Hörspiel „Geister sind auch nur Menschen“, ebenfalls die Adaption eines Theatertextes in der Regie von Erik Altorfer, diesmal für den Schweizer Rundfunk SRF, handelte von den entwürdigenden Verhältnissen in einem Altenheim und der unterdrückten Wut der Protagonistinnen der Geschichte. Das Stück gehörte zu den drei Finalisten des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2018 (vgl. MK 9-10/18).

In ihrem aktuellen Stück „Die Hand ist ein einsamer Jäger“, das erneut auf einem Theatertext basiert, hat Katja Brunner zusammen mit Ivna Žic selbst Regie geführt und auch eine Sprechrolle übernommen. Es handelt ebenfalls von unterdrückter Wut – und die Autorin stellt dem Ganzen eine litaneihafte Fürbitte voran: „Für die heilige Julia am Kreuze, geheiligt sei dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe – nicht.“ Die folgenden 64 Minuten des Hörspiels kann man im Netz komplett nachhören (beim Deutschlandfunk-Portal www.hoerspielundfeature.de). Für die lineare Ausstrahlung Anfang September im Programm von Deutschlandfunk Kultur wurde das Stück auf 56 Minuten gekürzt, denn im Radio ist nichts heiliger als das Programmschema mit den Nachrichten zur vollen Stunde.

Wenn zu Beginn des Hörspiels kalauernd die geneigte „Zuhörer:innen:schaft“ begrüßt und auch wortwörtlich „Gendersternchen“ mitgesprochen wird („Wir kotzen in den Gender-Gap“), erwartet man die übliche, mühsam ironisch abgefederte feministische Diskursdramatik. Es soll um Selbstermächtigung versus Selbstoptimierung gehen, um einen poetischen Appell für Solidarität gegen typisierende Vereinheitlichungen, um „weiblich gelesene Körper als Ort der Machtausübung“, so der Ankündigungstext, und der endet mit dem Satz: „Die oft schmerzvolle Lebendigkeit weiblicher Verkörperungen ergreift das Wort.“ Selten sind Buzzwords eines feministischen Bullshit-Bingos derart konzentriert an einem dramatischen Text vorbeigeschossen.

Natürlich gibt es in Katja Brunners Hörspiel das übliche Feindbild, das sich als „Kaleidoskop des Terrors und des Privilegs“ und „Hodenclub™“„ manifestiert. Dem gegenübergestellt sind ebenso klischierte Weiblichkeitsvorstellungen. Doch die Sprachgewalt von Katja Brunner entschädigt für die schon allzu oft gehörten Topoi und demonstriert, dass das literarische Sprechen mit der Alltagssprache niemals identisch ist, sondern jenen poetischen Mehrwert generieren kann, für den man ins Theater geht oder Hörspiele hört.

Mit dem Autotune-Effekt manipulierte Stimmen machen das Scheitern der verzweifelten Bemühungen um Selbstoptimierung hörbar, wie überhaupt die Komposition von Matija Schellander und die Klanggestaltung von Martin Eichberg auf jene „Brüchigkeit des Körpermaterials“ reagieren, die im Widerspruch zu den medialen Frauenbildern steht, wie zum Beispiel jenes der „Damsel in Distress“ (deutsch etwa: verfolgte Unschuld), für die in Katja Brunners Hörspiel eine Prinzessin namens Selda steht – eine Anspielung auf die Videospielfigur Zelda des japanischen Unterhaltungskonzerns Nintendo. Da kann es schon mal passieren, dass sich die Hand – jener einsame Jäger aus dem Hörspieltitel – unwillkommen in ein Höschen vorarbeitet. Aber die Hand ist ja leider keine isolierte „Addams-Family“-Hand, an der hängt ja noch ein Mensch dran – und damit gehen die Probleme erst los.

Dem brüchigen Körpermaterial aus Fleisch und Blut steht bei Katja Brunner ein immaterieller Sprachkörper gegenüber, der allerdings ebenso brüchig ist. Ein Sprachkörper, der kein übergeschlechtliches Wir und keine kollektiven Erfahrungen kennt, sondern sich chromosomenhaft als (weibliches) XX und (männliches) XY ausprägt. Gesprochen wird diese poetisch-diskursive Passage übrigens von Thiemo Strutzenberger, im Hörspiel die einzige männliche Stimme neben Carolin Conrad, Lisa-Katrina Mayer, Laura Naumann und der Autorin. Statt eines Kaleidoskops männlichen Terrors bekommt man in Katja Brunners Hörspiel ein Kaleidoskop weiblicher Welterfahrung präsentiert, naturgemäß gefiltert durch die eigene Brille und mit den unvermeidlichen blinden Flecken jeder Beobachtung. Und doch bringt Brunner bei jeder neuen Szene, bei jeder Drehung des Kaleidoskops, faszinierende Sprachbilder, Diskursfragmente oder Realitätssplitter zum Glitzern – und das funktioniert auch im Hörspiel.

Jochen Meißner – Medienkorrespondenz 19-20/2021

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