Dokumentation, Lukas Derycke: Das Monster Internet

Am 17. Mai wurde im Funkhaus des Deutschlandfunks, der 66. Hörspielpreis der Kriegsblinden an Lucas Derycke für sein Stück „Screener“ verliehen. Hier seine Dankesrede und die Anmerkungen zu seinem preisgekrönten Stück, die zuerst in der Medienkorrespondenz 09/2017 erschienen sind.

Sehr geehrte Damen und Herren.

schönen guten Abend. Es ist mir eine große Ehre diesen Abend hier auf der Bühne zu stehen und einen Preis mit einer 65-jährigen Geschichte zu bekommen: darin passe ich als Sechsundzwanzigjähriger zweiundeinhalb Mal. „Screener“ ist die erste professionelle Produktion die ich je gemacht habe. Liebe WDR-Mitarbeiter, Martina [Müller-Wallraf] und Hannah [Georgi], dankeschön für das Vertrauen. Ich habe vieles gelernt und es war ein schönes Gefühl in solchem professionellen Rahmen arbeiten zu können. Es gab ein Casting-Büro, einen Assistenten, ein hervorragendes Studio, talentierte Stimmendarsteller und ein Hotelzimmer. Das Badezimmer verfügte über fünf verschiedene Lichtstärken und drei Lichtfarben. Einzelheiten die beispielhaft sind für die liebevolle Sorge die ich erfahren habe. „Screener“ habe ich nicht alleine gemacht. „Screener“ habe ich zusammen mit Ihnen gemacht. Herzlichen Dank.

Team "Screener" Hannah Georgi, Benno Müller vom Hofe, Lucas Derycke, Helgi Schmid, Rami Hamze. Bild: Anna Kaduk / Film- und Medienstiftung NRW.

Team „Screener“ Hannah Georgi, Benno Müller vom Hofe, Lucas Derycke, Helgi Schmid, Rami Hamze. Bild: Anna Kaduk / Film- und Medienstiftung NRW.

Anmerkungen zum Hörspiel „Screener“

Von Lucas Derycke

In direktem Anschluss an mein Radio-Studium am Royal Institute for Theatre, Cinema and Sound (RITCS) in Brüssel nahm ich einen Job bei einer Fernsehproduktionsfirma an. Meine Aufgabe war es, alle Nachrichtenvideos des letzten Jahres in den Archiven zu sichten. Thematisch ging dies von frischverliebten Celebrities über gesunkene Schiffe bis hin zu diversen Bankencrashs. Abgesehen davon, dass ich dadurch ein guter „Trivial-Pursuit“-Spieler wurde, waren einige Videos schwer zu
verdauen. Informationen beziehe ich normalerweise in Textform (online und offline), ich schaue mir privat nicht besonders häufig Nachrichtenvideos an. Über die Enthauptungen der Terrororganisation IS habe ich gelesen, sie zu sehen, war etwas anderes.

Durch das andauernde und tägliche Ansehen solcher Videos aufgrund meines Jobs türmten sich Bilder und Geräusche geradezu an. Dinge, die ich im wirklichen Leben sah und hörte, luden sich mit Assoziationen und Resonanzen auf. Nichts Schädliches, nur ein anwachsender, unendlicher Datenspeicher von Sounds und Bildern. (Wenn mehr da ist, muss man auch auf mehr zurückgreifen.)

Generell war das Zeug, was ich mir anschaute, aber nicht so schrecklich. Und wenn, dann wurde es durch die Videos halbnackter Celebrities gewissermaßen wieder ausgeglichen. Anders ist es allerdings für die, die als sogenannte „Internet Content Reviewer“ angestellt sind. Die arbeiten nicht für eine Fernsehproduktionsfirma, sondern sind als Subunternehmer bei Sozialen Netzwerken und Video-Plattformen unter Vertrag, um deren Websites zu kontrollieren. Sie werden dafür bezahlt, den ganzen Tag vor einem Computer zu sitzen, um Gräueltaten, Nekrophilie und Kinderpornografie herauszufiltern. Große Internet-Firmen zahlen Millionen im Jahr (Quelle: „The New York Times“), um so irgendeine Form von Kontrolle über das Monster, das das Internet ist, bereitzustellen.

Ich begann, darüber zu lesen, und entdeckte schon bald, dass viele dieser Reviewer ein Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, also eine verheerende Ausweitung der (harmlosen) Assoziationen und Resonanzen, wie ich sie auch erfahren habe. Während ich darüber las, begann ich mit dem Schreiben und hatte schließlich ein Manuskript für ein Hörspiel.

Genauso wichtig wie das, was gesprochen wird, sind die begleitenden und unterbrechenden Sounds. Bevor ich mit den Schauspielern die Aufnahmen machte, verbrachte ich einen Tag mit Jonathan Dhuyvetters, dem Drummer der belgischen Punk-Band Rape Blossoms. An diesem Tag nahmen ir in einem improvisierten Studio in Gent eine Menge Drum Loops auf. Diese Aufnahmen hörte der Schauspieler Andreas Helgi Schmid über seine Kopfhörer, während er die Monologe von Felix spricht, der Hauptfigur meines Hörspiels.

Nachdem ich alle Monologe und Dialoge aufgenommen hatte (vor Ort, nicht im Studio), ging ich wieder nach Hause und begann mit den Arbeiten an den Soundscapes. Ich streifte umher und sammelte Sounds. Sounds, die später verarbeitet und verändert werden sollten, um die Atmosphäre zu schaffen, nach der ich suchte. Langsam entstand das Stück an meinem Computer.

Als ich meine Grenzen erreichte (technisch und geistig-mental), ging ich mit dem Ergebnis meiner Arbeit zum WDR und arbeitete dort mit Benno Müller vom Hofe weiter an dem Stück. Er investierte viel von seiner Zeit und seinem Talent, um die Komposition besser und klarer klingen zu lassen. Es war Benno, der der vielfach überlagerten Dichte, die ich zusammengestellt hatte, einen Sinn gab. Ich kann nicht viel sagen über die Sounds, die ich benutzte, und die Art, wie sie zusammengestellt wurden – es war alles sehr intuitiv. Es fühlte sich einfach richtig an.

Die Schauspieler des Hörspiels waren großartig und nach langem Ausprobieren fand ich den Sound, den ich die ganze Zeit gesucht hatte. Alles ging gut, doch war ich mir des Risikos bewusst, das die WDR-Hörspielabteilung eingegangen war: Es hätte genügend Gründe gegeben, mein Projekt abzulehnen. Erstens: Ich spreche kein Deutsch. Ich schrieb das Stück auf Niederländisch und bat meine Mutter, die Deutsch unterrichtet, die ersten paar Versionen zu übersetzen; die Regie wurde auf Englisch geführt. Zweitens: Ich habe vorher noch kein längeres Hörstück gemacht. Ich hatte gerade erst mein Radio-Studium abgeschlossen und hatte zuvor erst ein 18-mimütiges Stück produziert.

Glücklicherweise erreichte dieses kleine Stück die Ohren von Martina Müller-Wallraf, der Leiterin der Abteilung Hörspiel im WDR. Ich schickte ihr dann einen kurzen Pitch für mein erstes längeres Stück und sie brachte mich mit der Regisseurin Hannah Georgi zusammen. So begann meine Arbeit an „Screener“, meinem ersten richtigen Hörspiel. Sie gaben mir die Freiheit, die Geschichte so zu erzählen, wie ich es wollte, ohne mich mit nutzlosen Einschränkungen oder nervenden Nachfragen zu belasten. Dafür bin ich sehr dankbar.

(Übersetzung aus dem Englischen: Anke Morawe)

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