Die Welt ist ein Strudel

Stefano Giannotti: Mondi possibili. A Co(s)mic (S)trip

SWR 2, Di 04.05.2021,  23.03 bis 23.55 Uhr

Mit der Linearität der Zeit ist es nicht nur im linearen zeitbasierten Medium Radio so eine Sache. Und wenn man vom Weltraum erzählt, wird es noch komplizierter. Da wird die Raumzeit unter dem Einfluss großer Massen gekrümmt – von den Verwerfungen, die Schwarze Löcher im Raum-Zeit-Kontinuum verursachen, gar nicht zu reden. Aber auch diesseits des Ereignishorizonts ist die Bewegungsrichtung einer Erzählung nicht gleichgültig.

Früher, das heißt in den 1960er Jahren des 20. Jahrhunderts, brach man noch zu Welten auf, die nie zuvor ein Mensch gesehen hatte (in der Fernsehserie „Star Trek“, deutscher Titel: „Raumschiff Enterprise“). Ende der Neunziger wollte man dann nur noch zurück zur Erde (in der Serie „Star Trek: Raumschiff Voyager“). Die Bewegungsrichtung, die das als „A Co(s)mic (S)trip“ untertitelte Hörspiel „Mondi possibili“ („Mögliche Welten“) des italienischen Komponisten, Klangkünstlers und Hörspielmachers Stefano Giannotti auszeichnet, ist weniger linear als vielmehr spiralig.

Los geht die Reise mit dem Geräusch einer Toilettenspülung. Warum, wird sich später herausstellen. Über den Namen des Raumschiffs (Apollo, Discovery, USS Enterprise) scheint sich die Stewardess, eine künstliche Stimme, nicht ganz im Klaren zu sein, ebenso wenig wie über die Reiseroute. Die Sicherheitshinweise teilt sie aber genauso professionell teilnahmslos, wie es auf einem irdischen Linienflug geschieht – nur dass ein (von Autor Stefano Giannotti gesprochener) Astronaut mit einem komischen Helm immer in ihre Ansagen reinquatscht und per Mobiltelefon dauernd mit „Houston“ reden will. Seine auf Englisch geführte Konversation wird von einem Übersetzer (Stefan Roschy) ins Deutsche übertragen.

Die Reise geht über Mond und Mars („Kein Angeln und Baden in den Kanälen!“) zum Saturn. Dann geht es weiter zur Sonne. Nicht gerade der direkteste Weg. Dazu gibt es historische O-Töne von den Apollo-Missionen 11, 16 und 17 der US-Weltraumbehörde NASA. Beispielweise hört man da einen der Astronauten „Hippity Hoppity“ singend über den Mond hüpfen. Und weil Stefano Giannotti seinen kosmischen Comic-Strip immer von den Klangqualitäten her denkt, bekommt man auch die Transformation von Wörtern zu Tierlauten zu hören, wie schon in seinem Stück „Bürotifulcrazy“ (Deutschlandradio Kultur; Kritik hier). Und dass gegen Ende die Honorarabteilung mal wieder Ärger um die Rechnungsstellung macht und nach der Versteuerung auf Mond, Mars und Saturn fragt, verwundert dann auch nicht weiter.

Die vielen slapstickhaften Geräusche, die in einem gedruckten Comic (oder der „Batman“-Fernsehserie aus den sechziger Jahren) durch aufploppende Onomatopöien mit der Differenz zwischen dem zu Lesendem und (imaginär) dem zu Hörenden spielt, müssen im rein akustischen Medium zwei Nummern gröber ausfallen, als man gerade noch für möglich hält.

Insgesamt wird der Sound des 52-minütigen Stücks aber von einem Instrument dominiert, das man nicht unbedingt mit dem Weltraum assoziiert: dem Cembalo. Ein barockes Instrument aus der Frühzeit der Oper, mit dem man nicht nur auf die „Habanera“ aus Bizets Oper „Carmen“ anspielen kann. Denn bei Stefano Giannotti kommt das Instrument auch mit Blues- und Jazz-Schemata zurecht. Zwanzig Teile – vom Arioso über eine Pastorale und verschiedene Rezitative bis zur finalen Fuge – machen das Hörspiel zu einer Zwitterform aus Oper und Radio-Comic.

Als Nebenfiguren treten noch Aristoteles und Galileo auf, beide werden ebenfalls von Giannotti gesprochen. Und ein bisschen Kosmologie vom ptolemäischen bis zum heliozentrischen Weltbild darf auch nicht fehlen, bevor in einem „Excursus De Latrinae Mundi“ die Einführung des Konzepts der kosmischen Toilette eingeführt wird. Das grundlegende Prinzip dieser Theorie besagt, dass, wenn alles relativ ist, wirklich alles relativ ist. Was soll überhaupt diese Idee von der Krümmung der Raumzeit? Das hat doch bestimmt nur dieses „Houston“ in die Welt gesetzt.

Stefano Giannotti: Mondi Possibili

Und damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt des Hörspiels, dem Strudel der Spülung einer „Welt-Toilette“, die zur Erklärung der Existenz der dunklen Materie auch nicht unplausibler ist, als das, was gerade so diskutiert wird. Denn dass der Astronaut, der dauernd mit „Houston“ sprechen will, auch von dort losgeschickt wurde, ist nur eine implizite Annahme. Stefano Giannotti benutzt Versatzstücke der Science-Fiction hier ebenso sorglos wie in dem Vorgängerstück „Hin und zurück“ (SWR 2) die des Western-Genres (Kritik hier). Neben dem amüsanten Quatsch, der das ganze Hörspiel durchzieht, erzählt es außerdem noch anspielungsreich eine Geschichte der irdischen Musik. Das letzte Mal, dass so etwas versucht wurde, war 1977, als man zwei Exemplare einer goldenen Schallplatte gepresst hat und die NASA sie an Bord der beiden Voyager-Forschungssonden ins All schickte. Die Adressaten waren damals wie heute die menschlichen Hörer. Seinen Spaß kann man an beidem haben.

Jochen Meißner – Medienkorrespondenz 11/2021

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